Iphigenie auf Tauris und die Hinterfragung ihrer Moral und Humanität

Definition von Humanität und Moral

Der Begriff „Humanität“ ist mit Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit gleichzusetzen. Es ist eine Einstellung, in deren Mittelpunkt die Wertschätzung der Menschenwürde steht. Es geht darum, die Menschenwürde zu respektieren und einen friedvollen Umgang mit anderen Menschen zu haben, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Alter, ihrem Geschlecht und anderen Merkmalen, da alle Menschen den gleichen Wert haben und somit gleichberechtigt werden sollen. Zu den guten Taten gehören zum Beispiel Menschenliebe, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Hilfsbereitschaft und Mitleid.
Johann Gottfried von Herder erklärte, dass Menschlichkeit bei uns zum Teil im Blut liege und im Laufe des Lebens entwickelt werden müsse. Seiner Meinung nach war die Bildung der Humanität das wichtigste Ziel im Leben. Die Bedeutsamkeit der Humanität könnte der Mensch dann durch sein Verhalten verändern. Die Religion hielt er für das höchste Zeichen der Humanität. Der Begriff „Moral“ bezeichnet eine Vorstellung von bestimmten Werten, Normen und Regeln, die von der Kultur sowie der Religion abhängig ist. In einer Gesellschaft wird die Moral als ein Verhaltensmaßstab betrachtet. Somit ist es eine nicht schriftlich festgelegte Regel, die das Verhalten des Menschen bewertet. Sie entscheidet, was gut und was schlecht ist. Wer moralisch handelt, ist zudem anständig und diszipliniert. Die Regeln werden verantwortungsvoll eingehalten und die eigenen Handlungen werden äußerst streng kontrolliert. Dabei sollte der Wunsch bestehen, die Handlungen nach den Richtlinien „gut“ zu machen. Jedoch ist das „Gute“ nicht sofort das Gewöhnliche und das scheinbar Gute. Gefühle und Neigungen stehen hierbei an zweiter Stelle, denn sie führen uns in der Regel zum „Schlechten“. Unter dem Begriff „Moral“ wird aber auch eine Lehre verstanden, die aus einer Erzählung, einem Märchen oder einer Sage hervorgeht.

Iphigenies erster Konflikt: Das Leben auf Tauris

Schon in der ersten Szene des ersten Aktes wird der Leser mit einem Konflikt des klassischen Dramas „Iphigenie auf Tauris“ auseinandergesetzt. Die Hauptfigur Iphigenie ist aufgrund der Sehnsucht nach ihrer Heimat Griechenland unglücklich und findet das Leben auf der Insel Tauris grauenvoll. Sie bezeichnet es sogar als „zweiten Tode“ (Vers 53), obwohl die Göttin Diana ihr das Leben erst nach der Opferung durch ihren Vater und der wundersamen Rettung ermöglichte. Anstatt dankbar zu sein, klagt sie über ihr Schicksal und bittet zusätzlich noch um Erlösung.
Sie will unbedingt zu ihrer Familie wieder nach Hause, obwohl sie schon lange Zeit auf Tauris lebt und der Diana als Priesterin dient. Auch der König Thoas tut vieles für Iphigenie und ist mittlerweile ihr zweiter Vater geworden, aber sie stellt sich trotzdem nicht zufrieden, denn sie will mehr als nur Gutherzigkeit. Ihr größter Traum ist, ein autonomes Leben zu führen, in dem sie selbstständig Entscheidungen trifft und die gleichen Rechte wie Männer hat. Gleichberechtigung steht bei ihr ganz vorne, weil sie als Frau nicht untergeordnet sein und nicht von anderen bestimmt werden möchte. Für sie ist es wichtig, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und vernünftig zu handeln, ohne dabei von den Gefühlen stark beeinflusst zu werden. Wegen ihrem eigenständigen Handeln wirkt sie für andere Menschen in ihrem Umfeld arrogant, da sie den Glauben hatten, dass es unmöglich wäre und alles von den Göttern bestimmt wird. Wenn sie jedoch das Leben eigenständig kontrollieren wollen, stellen sie sich auf die Stufe der Götter.
In diesem Kapitel sehen wir folglich keine Menschenfreundlichkeit oder eine Wertschätzung von guten Taten, die der Iphigenie von reinem Herzen entgegenkommen. Für den Anfang behält sie die eigenen Ziele vor den Augen und vernachlässigt deswegen ihre Mitmenschen. Die Kontrolle des eigenen Handelns ist aber moralisch gut.

Iphigenies zweiter Konflikt: Der Hochzeitsantrag

In der dritten Szene des ersten Aktes macht der König Thoas Iphigenie einen Hochzeitsantrag, den sie selbstverständlich ablehnt. Die Eheschließung würde sie für immer auf der Insel fesseln und sie von Thoas abhängig machen. Dabei möchte sie aber in ihrem Leben frei entscheiden können und nach Hause zurückkehren. Um diese Bindung nicht eingehen zu müssen, überlegt sie sich schnell einige Ausreden. Mit Hilfe des Tantalidenfluchs versucht sie ihm Angst einzujagen. Denn wer würde es schon wollen, dass alle Angehörigen der Familie sich gegenseitig töten und es immer fortsetzen würden bis keiner mehr bliebe. Der König möchte nach längerem Warten einen Sohn als Nachfolger bekommen und niemanden, der den Familienkreis auslöschen wird, denkt Iphigenie. Nur er gibt nicht nach und zeigt keine Schwäche, sodass sie ihn auf den göttlichen Willen aufmerksam machen muss. Sie kommt mit dem Argument, Dianas Besitz zu sein und als Priesterin dienen zu müssen. In diesem Moment hat Thoas genug von der Diskussion und ihren Ausreden, sodass er die Konsequenz hat, die alten Menschenopfer wieder einzuführen.
Damit will er Iphigenie zwingen, den Hochzeitsantrag anzunehmen.
Wenn wir diese Situation genauer betrachten, verdient sie den König nicht. Am Anfang hatte er nur wegen ihr die Menschenopfer abgeschafft und sich um sie gekümmert. Unglücklicherweise denkt sie aber nur an sich und an ihr eigenes Wohlbefinden. Das Wichtigste ist hier die Durchsetzung des Willens für sie. Somit versucht sie nicht einmal, sich in Thoas hineinzuversetzen und für ihn etwas Gutes zu tun, so wie er es getan hatte.

Iphigenies dritter Konflikt: Die Durchführung der Menschenopfer

Nach der Einführung der Menschenopfer ist Iphigenie verzweifelt und sucht wild nach einem Ausweg, denn wie wir wissen, möchte sie keine unschuldigen Menschen umbringen. Infolgedessen fleht sie haltungslos die Göttin Diana an, ihr ein weiteres Mal zu helfen.
Sie ist davon überzeugt, dass die Götter den Menschen mit guten Absichten gegenüberstehen, selbst wenn ihnen Menschenopfer gebracht werden.
Dabei gibt sie ihre Verantwortung ab und verlässt sich wirklich auf die Unterstützung der Götter.
Meiner Meinung nach handelt sie ein bisschen unüberlegt, weil die Götter nicht jedem helfen können, auch wenn sie den Menschen Wohlbefinden wünschen, wie es Iphigenie erklärt.
Bei der Ankunft von ihrem Bruder Orest und seinem Cousin Pylades vertraut sie ihnen problemlos, obwohl sie sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennen. Sehr furchtlos ist sie gegenüber Fremden, die sie zuallererst angelogen hatten und nur zum eigenen Vorteil ausnutzen wollten. Sie ist fast wie ein kleines Kind zu gutgläubig und kennt noch keine ernsthafte Gefahr für sich persönlich. Wegen ihren Gefühlen und dem Vertrauen rührt sie jedoch ihren Bruder Orest, der schließlich seine wahre Identität zeigt.
Daran sehen wir, dass ihr Charakter etwas Positives hat und zur Hilfsbereitschaft führt, denn sie bittet die Götter, Orest von seinem Wahnsinn zu heilen.

Iphigenies vierter Konflikt: Der Fluchtplan

Iphigenie, Orest und Pylades wollen gemeinsam wieder heimkehren. Für die Auflösung des Fluches müssen sie Dianas Statue stehlen. Dafür brauchen sie jedoch Iphigenies Hilfe. Pylades entwirft einen Fluchtplan, der aber nur mit Hilfe einer Lüge und List funktioniert. Er kann sie schnell zur Lüge überreden, da es um deren Leben handelt. Iphigenie hat ein schlechtes Gewissen, entscheidet sich aber trotz allem für die Lüge, um die Opferung hinauszuzögern. In einem inneren Konflikt zweifelt sie an ihrem Verhalten, da sie in Wirklichkeit niemanden anlügen will, egal wie groß der Wunsch zu fliehen ist. Zudem bringt sie es einfach nicht übers Herz, Thoas zu hintergehen nach allen seinen guten Taten. Für einen Moment vergisst sie bei der Hoffnung auf eine Rettung auch die Realität und denkt nicht an die freundlichen Taurer, die nach ihrem Gehen geopfert werden. An Verluste ist sie jedoch nicht gewohnt. Schließlich entscheidet sie sich das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und die Taurer nicht sterben zu lassen, da sie sich ihnen verpflichtet fühlt.
Ihre Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft kommt zum Vorschein. Ein Gefühl für die Mitmenschen tritt endlich auf. Aber was soll sie tun, um mit „reinem Herzen“ (Vers 1701) zu fliehen!?

Iphigenies fünfter Konflikt: Die Stunde der Wahrheit

Iphigenie entscheidet sich, Thoas die ganze Wahrheit zu erzählen. Es besteht die Gefahr, dass er sie dann möglicherweise gar nicht gehen lässt, sondern alle für den Betrug ermorden wird.
Aber diese Gefahr geht sie ein. Sie stellt sich mutig vor ihm, erzählt die komplette Wahrheit und hofft auf sein Verständnis. Nachdem sie Thoas mehrmals auf sein Versprechen hinweist, dass sie heimkehren darf, wenn aus ihrer Familie noch jemand am Leben ist, bekommt sie ihren Willen. Thoas zweifelt noch an der wahren Identität der Verwandtschaft, aber Iphigenie redet ihm zielstrebig lange ins Gewissen und überredet ihn zuallerletzt zu einem friedlichen Abschied.
Außerdem äußert sie mutig den Willen, als eine Frau mehr erreichen zu können und zu wollen.
Das Missverständnis des Orakelspruchs wurde ebenfalls gelöst, denn es nicht Dianas Statue, sondern Iphigenie nach Griechenland gebracht werden. Die Menschenopfer werden nicht mehr eingeführt, sodass Iphigenie jetzt nichts mehr hält.
Damit hält jetzt Thoas nichts mehr auf, sie gehen zu lassen und „Lebet wohl“ (Vers 2174) zu sagen. Es fehlen die Gefühle des Königs, dem es schwer fällt Iphigenie das letzte Mal zu sehen.
Sie will das Einverständnis von ihm erhalten, um mit gutem Gefühl die Insel Tauris zu verlassen.

Fazit

Zusammenfassend können wir feststellen, dass die Hauptfigur Iphigenie eine gute Person ist, die mit ihrer Ehrlichkeit und Humanität eine friedliche Rückkehr nach Griechenland ermöglicht hatte.
Jedoch dachte sie egoistisch mehr an das eigene Leben und das eigene Wohlbefinden, welches sie selbst in die Hand nahm und von nun an eigenständig bestimmte. Damit will sie möglicherweise an alle die Nachricht weiterleiten, nicht von anderen abhängig zu sein und sich nicht fremdbestimmen zu lassen.

3 Kommentare

  1. nezir sagt:

    sehr gut!

  2. Blob Fish sagt:

    hast du gut erklärt

  3. pasi sagt:

    danke! sehr hilfreich und gut zusammengefasst

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